So rau und lieblich wie die Alb

Zum Tod der Schauspiellehrerin Ingrid Geißler / Neue Heimat

Von Uli Wanner

Hechingen. Heimat fällt einem zu. Sie ist Schicksal, das vorgegeben ist. Jeder hat seine Heimat, und niemand entrinnt ihr. Das ist wahr und doch nicht wahr denn manchmal wählen sich Menschen eine neue Heimat und lassen den Ursprungsort verdämmern.

Ingrid Geißler gehörte zu diesen Erfindern einer Heimat aus Zuneigung und freiem Willen. Die Stadt, die sie sich erkor, heißt Hechingen. 1983 verliebte sie sich in einen gebürtigen Hechinger, der damals in Stuttgart lebte. Mit ihm zusammen bei vielen Besuchen und in immer neuen Hechinger Ferientagen verfiel sie im Lauf der Jahre dem Stadtcharme, dieser Melange aus altschwäbischer Gassenwinkligkeit, klargeistigem Preußen Klassizismus und der edelwilden Pracht des Fürstengartens. Und das zugleich raue und liebliche Panorama der Schwäbischen Alb war ihrem Frauencharakter nahe.

Sogleich nach jeder Hechinger Ankunft saß sie verzückt an den Marktplatzfenstern im Cafe Röcker und warf selige Blicke auf Platz und Personen, die eilfertig oder behaglich zu Gange waren. Wie für so viele Hechinger, die nicht in Hechingen leben, war auch ihr die Gaststätte Fecker ein schier magischer Ort der Zugehörigkeit, ein Innigkeitsraum traditionsstarker Gediegenheit, in dem sich das aufgeregte Gemüt gleichsam zurücklehnen konnte.

Und dieser Beruhigung aus dem Tiefengrund heimatlicher Geborgenheit bedurfte sie sehr. Ingrid Geißler, von Beruf Schauspiellehrerin und Sprecherin in Köln, war ein leidenschaftliches Künstlernaturell, das nicht dafür geschaffen war, in ausgeglichenen Lagen der Mitte zu verharren. Ihre wilde, schöne Seele, eine edle, schier herrische Frauenschönheit und ihr origineller, durchdringender Geist nicht ohne Anfechtungen der Streitlust umgaben sie mit einem Strahlglanz der , Außergewöhnlichkeit; in ihrer Nähe ergriffen Halbherzigkeit und Gleichgültigkeit die Flucht.

Die feminine Eleganz und Feinnervigkeit ihres Kleidungsstils dem Zeitgeist abhold forcierten einen weiblichen Eros, dessen durchaus exzentrische Hülle Zartheit und Zerbrechlichkeit umschloss. Mit dem dunklen Grund der Weltangst war diese mit feiner Einfühlung begabte Gemütskünstlerin mehr vertraut als ihr zukömmlich war. Ihr Sinn für die ungeheure Komik der Menschendinge wusste um die tragische Tiefe im Goldglanz der Heiterkeit.

Am Montag, 28. März, ist Ingrid Geißler im Alter von 58 Jahren einer kurzen schweren Krankheit erlegen. Hechingen hat eine externe Hechingerin verloren, die dieser Kleinstadt liebend zugetan war.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ingrids 60. Geburtstag

Das Geheimnis Ingrid