Das Geheimnis Ingrid

Liebe Freunde und Freundinnen von Ingrid aus ihrer Nürnberger Aufbruchszeit!

Ich, Uli, bin 28 Jahre lang der, wie man heute sagt, Lebensgefährte von
Ingrid gewesen. Wir haben zusammen und gegeneinander gekämpft, gelitten,
sind aneinander gescheitert, aber auch in ein, wie soll ich sagen,
Mysterium des Zueinandergehörens geraten, wir haben uns einen dyadischen
Kosmos des individuellen Geistes geschaffen, der uns geborgen und
aneinander gehalten hat, - vor allem aber haben wir uns "innere Heimat"
gewährt, eine Geborgenheit aus der Tiefe, die letzlich alle Dissonanzen,
die gewaltig waren, ausgehalten hat. --- Eure so verschiedenen Notate
und Ausrufe zu Ingrids frühem Tod und zu Ingrids Person, wie sie für
Euch war, haben mich sehr bewegt - und ich lese sie immer wieder von
neuem. Die Fotografien, die Dieter eingestellt hat, aus Eurer verwehten
Studentenzeit wirken immer wieder stark auf mich ein. Ich danke Dir
Dieter, daß Du diesen "Blog" eingerichtet hast und diese Fotografien
eingespielt hast und die Beiträge so getreulich bearbeitest! Und ich bin
immer von neuem ergriffen von Deinem Schicksalsgedicht! Und ich danke
auch Elisabeth (Ingrids"beste Freundin" in vielen Jahren), Heidi, Heike,
Norbert und Wolfi für ihre Betroffenheit und ihre Reminiszenzen; und wie
schön, daß Norbert Lieder und Rhythmen aus jener Zeit, an die
Liebesziehung zwischen ihm und Ingrid erinnernd, anheimgegeben hat. Ganz
besonders berührt hat mich Norberts Geste der Erinnerung an die
Liebesgeschichte zu Ingrid - und Ingrid hat mir einige Male von dieser
Liebe und von Norbert und seiner Persönlichkeit erzählt. Auch Wolfis
Erinnerung ist mir nahe gegangen.

Euch alle bitte ich darum, ob ihr - und möglicherweise auch andere
Freunde von Ingrid - vielleicht noch mehr Erinnerungen an und
Erfahrungen mit Ingrid beisteuern könnt? Es würde mich und gewiß auch
Euch bereichern - und es sind ja auch letzte Botschaften an Ingrid, die
nicht mehr am Leben teilhaben darf; und wer weiß es - vielleicht
erreichen diese Zurufe Ingrid doch auch in einer neuen Dimension Ihres
Daseins!

Wenige Tage nach Ingrids Tod habe ich versucht, ein längeres
Charakter-Gedicht über sie zu schreiben - ich wollte es in mein Memento,
das ich an viele Adressen geschickt habe, einschreiben. Es ist mir in
meiner damaligen Desolation nicht geglückt oder besser: gescheitert -
ich habe es nach einigen versuchten Strophen abgebrochen. Es sollte, im
Geiste Ingrids, die einen wahrhaft ungeheuren Sinn für das Komische und
Absurde des Lebens hatte, eine Art Schicksalsballade werden. Ich habe
mich jetzt dazu entschlossen, dieses - jedenfalls teilweise - poetisch
ungelungene Fragment an dieser Stelle darzubieten, weil ich finde, daß
einige Wesenszüge Ingrids doch kenntlich werden.

Triumph der Stirne - Blüten-Stein -
Ich will euch ja - doch laßt mich sein.
Im Kinderland so traumverloren
War ich Prinzessin ungeboren.

Was war mein Leben eigentlich?
Ein süßer Odem, der entwich?
Suche nach der erfüllten Zeit?
Ein Sehnsuchtstanz im Schicksalskleid?

Ich war die Herrin Rosenhaus,
War Falkenflug im Sturmgebraus.
Spätsommersterne zierten mich.
Ich warf hinweg, was bald verblich.

Im Zorngebirge ging ich irr,
Und jochte mich in Angstgeschirr.
Doch hoher Atem gab mich frei!
Dem Nichts gebot ich, daß es sei.

Ich schied die Geister, die mich riefen.
Die Himmlischen und die der Tiefen.
Vertraut war mir das Dunkelherz,
Goldglanz gewann ich aus dem Schmerz.

Dann habe ich abgebrochen - das Gedicht sollte viel länger werden. Die
Gedichtzeile "Was war mein Leben eigentlich?" ist ein Wort von Ingrid.
Als die schlimme Diagnose da war und Ingrid und ich in der Klinik in
Reutlingen auf Aufnahme in ein Einzelzimmer warteten, stellte sie mit
stiller Plötzlichkeit diese Frage. Und diese Frage treibt mich jetzt um.
Was war eigentlich ihr Leben? Sie hatte soviel Geheimnis in sich und um
sich - ich möchte so gern ein bißchen wenigstens davon verstehen und
herausfinden - mehr als ich zu Ingrids Lebzeiten verstanden habe!


Es grüßt bekannter- und unbekannterweise herzlich Uli

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